Kennt ihr die Traube "Melon-à-queue-Rouge"`

Geposted von Claudia Sontheim am

Lässiger Mutant

Ob Melon-à-Queue-Rouge als eigenständige Rebsorte betrachtet werden kann, ist strittig. Jedenfalls hat sie nichts mit der Sorte Melon de Bourgogne zu tun, die, obwohl sie so heißt, nicht im Burgund, sondern an der Loire wächst. Und sie ist auch, obwohl sie ausschließlich im Jura vorkommt, nicht identisch mit Melon de Jura, der Rebsorte, die unter dem Namen Aligoté bekannt und im Burgund zu Hause ist. Vermutlich ist Melon-à-Queue-Rouge nicht mehr als eine mutierte Chardonnay-Rebe, die ihren Namen – roter Schwanz – aus dem rötlich verfärbten Stiel zieht. Dass sich solch eine Mutation auf das Aromenprofil des Weins niederschlagen muss, ist nicht gesagt und deswegen ist es vermutlich sinnig, Melon-à-Queue-Rouge als Chardonnay aufzufassen.

Der Verdacht, dass Melon-à-Queue-Rouge einfach Chardonnay ist, erhärtet sich, wenn man den La Fauquette 2015 des Jura-Winzers Michel Gahier im Glas hat. In der Nase dominieren reife, dezent geröstete Walnuss, angeschnittener leicht oxidierter Apfel und ein zarter Vanilleton: Eine typische Jura-Chardonnaynase. Im Mund nimmt der Wein dann Fahrt auf. Die Walnuss verliert mit der Zeit ihren gerösteten Charakter und zeigt sich mehr und mehr von der rohen, kantigen ungerösteten Seite, bis sie nach einigen Minuten im Glas bei einem ähnlichen bissigen Haselnusscharakter angelangt ist, wie er auch in vielen niedrig dosierten Champagnern zu finden ist. Auch die Apfelaromatik verlagert sich, weg von der Frucht hin zur Schale: straff, adstringent und fordernd.

Trotz des spürbar hohen Tanningehalts und der Verweigerungshaltung gegenüber Primärfrucht, ist Michel Gahiers Melon-à-Queue-Rouge kein anstrengender Wein. Besonders der vanillige Schmelz gibt ihm eine gewisse Lässigkeit, die charmant dazu einlädt, sich mit seinen nonchalanteren Wendungen auseinanderzusetzen. Die kommen vor allem durch den naturnahen Ausbau zustande. Außerhalb des Jura, wäre Michel Gahier wohl dem sogenannten Naturwein zuzuordnen. Im Jura geht er aber als Traditionalist durch. Oxidation ist hier den Winzern seit jeher eher Freund als Feind und das Flaggschiff der Region der Vin Jaune ist sogar rechtlich zum Oxidieren verdammt. Wenn Most oder Wein oxidiert – und wenn die Winzer die Oxidation im Griff haben –, entsteht Acetaldehyd, ein Stoff der in vielen fruchtbetonten Weinstilistiken störend wirkt, der im Jura aber für die typische Herbe verantwortlich ist, die an frische Champignons, Walnuss und alte Apfelschalen erinnert. Auch in Michel Gahiers Wein vermute ich einen hohen Gehalt an Acetaldehyd, was ihm Bissigkeit und Komplexität gibt.

Ein phänomenöser Wein, der sogar seine 14 Volumenprozent Alkohol ohne zu murren wegsteckt. Wen interessiert da noch die Rebsorte?

Herzlichen Dank an Paul Kern und seinem Blog: Champagner & Schorle

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